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Geschichten

Damals gelacht – Keiner geglaubt – Heute erzählt


Raketenerprobung auf der »WISMAR«

von Wulf H.

Es war die Zeit, als alle für die VM zu bauenden 16 »Parchims« übergeben und in Dienst gestellt waren. Wir, die »Wismar« und Besatzung hatten die erste »große Werftliegezeit« zu durchstehen.

Es gelang uns (und unserer Werft, Peenewerft Wolgast) nach dem Motto: Schneller-höher-weiter-länger oder ähnlich diese Werftliegezeit von geplanten 9 Monaten auf stolze 13 Monate zu strecken. Der sich daraus ergebende Ausfall an »produzierter Gefechtsbereitschaft« wurde wohl auch dank der Überstunden der anderen U-Bootjäger in den Flottillen aufgefangen. Vielleicht tat sich sogar ein ungeplantes Bedrohungsloch auf, jedenfalls kam unser Kräftegleichgewicht nicht aus demselben, was auch aus unserer heutigen Sicht ja nicht so schlecht war. Ein wenig Glück gehörte eben auch immer dazu. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Hier wollen wir uns an eine kleine eher unbedeutende Geschichte erinnern, die, besonders weil sie hausgemacht, besser bordgemacht war, uns doch einigen Spaß bereitet hat. Um ehrlich zu sein und wenn ich mich richtig erinnere, war es besonders die Vorfreude, welche unsere Gedanken lenkten und die Ideen verfeinerten.

Da ja bekanntlich Werftliegezeiten in vieler Hinsicht erfinderisch machten, ging dieses auch an uns nicht spurlos vorbei. Wenn jetzt jemand sagen würde, als Ursache kommt vielleicht ein gehöriges Stückchen Langeweile in Frage, so würde ich eher sagen: Wir hatten mal die Zeit und den Kopf frei für Sachen und Gedanken, auf die wir in den Heimatstützpunkten, eingebunden in die Höhepunkte der Ausbildungshalbjahre und Bereitschaftsaufgaben, nie gekommen wären.

Jedenfalls hatte unsere eigentliche Hauptaufgabe als Schiff, die U-Bootsuche und -Begleitung ja eine nicht zu bestreitende, salopp gesagt, sportliche Note. Besonders Mitte der achtziger Jahre, im Frieden des sogenannten Gleichgewichts und im direkten Vergleich und Kontakt mit den U-Booten der Bundesmarine. Diesen Wettstreit erlebten wir ja nicht zuletzt beginnend aus der Zeit der Seeerprobung 1980, wo verständlicher Weise solche Schiffe (Flottendienstboote) wie die »Alster«, »Ocker«, »Oste« und andere ein starkes Interesse an uns und an dem was wir taten, hatten. Wir wiederum wollten, ebenfalls verständlicher Weise, so wenig wie möglich davon preisgeben. Vor diesem Hintergrund entstand der Gedanke: Lasst uns die andere Seite, wir nannten sie in der Messe »Bundesbuben«, mal wieder so richtig verarschen! Sorry, so war es.

Die Messegespräche/-ideen reichten von »Tarnanstrichen« bis hin zu tatsächlichen Silhouetten-Veränderungen. Hier entstand unser Vorhaben.

Nun gab es ja die »Flottenhexe« und wo keine sachliche Information zugänglich ist, ist der Nährboden für Gerüchte schnell bereitet, etwa so: Wir, die VM, wollten eine neue Rakete einführen: Carl Zeis entwickelt das optische Zielsuchlenksystem, die Rakete kommt von den »Freunden«, alles eingebaut auf einem neuen Schnellboot usw. Soweit war es auch wohl wahr.

Wir waren sicher, dass unsere Gegenspieler der anderen Seite eher noch weniger wussten als wir. Warum sollten wir also nicht der Träger sein, von dem aus das neue Waffensystem in der VM getestet werden sollte? Vieles sprach dafür: Ein relativ neues Schiff, langer Werftaufenthalt, Seeerprobung danach ja sowieso. Begünstigend wirkte auch noch die Tatsache, dass wir kurzfristig die Seeerprobung nach der Werftliegezeit ohne unsere vier Torpedorohre fahren mussten, sie waren noch nicht fertig, so etwas kam ja hier und da damals mal vor.

Also, gedacht, gesagt, getan: Im Bereich der Torpedorohre 2 und 4 wurde unter Ausnutzung der vorhandenen Fundamente, der Verwendung von Leckwehrmaterial, Balken und Bohlen, das Skelett eines Raketenstartbehälters gezimmert, besonders gut machte sich ein dreibeiniger Hocker aus der Mannschaftsmesse als Raketenspitze. Verfeinert wurde die Konstruktion durch die Bespannung mit grüner Persenning, selbst die Kabel (eigentlich fürs Torpedorohr bestimmt) fanden eine optisch wirkungsvolle Verwendung.

Wir waren stolz auf unser Werk, besonders der Maschinengefechtsabschnitt GA-V hatte sich stark engagiert. LI, Thomas, wir danken Dir!

Pünktlich zum Auslaufen zur Seeerprobung waren wir fertig. Die »Werfter«, also die Kollegen der Peenewerft, schüttelten nur den Kopf: Ihr spinnt.

Vorweg genommen sei die Info: Während der gesamten Zeit des Seeaufenthaltes zur Werfterprobung hatten wir nicht ein einziges Mal optischen Kontakt zu einem Schiff der Bundesmarine. Auch die Fotografen auf der »Brücke der Freundschaft«, diesem Nadelöhr im Peenestrom (damals), die wir ja hautnah beim Auslaufen passieren mussten, hatten keine besondere Technik aufgefahren. Nun könnte man meinen: Luftnummer! Aber, weit gefehlt! Ganz klar, die Besatzung wurde zu dieser Geschichte auf den ganz offiziellen Sprachgebrauch eingeschworen: Wenn ihr gefragt werdet, antwortet Ihr einfach mit der Wahrheit: »Es ist eine Attrappe«. Und wir hatten kein Problem damit, einfacher konnte man die Wahrheit nicht sagen.

Es kam wie es kommen musste: Zur planmäßigen Übernahme der Bereitschaftsmunition machten wir auslaufend in Peenemünde, 1. Flottille, fest. Natürlich gab es Fragen zu dem Ungetüm auf unserer Backbordseite: Im Wesentlichen verständnisvolles Nicken: Werfterprobung – klar, Raketenattrappe – klar, es ist wirklich nur eine Attrappe – na klar. Eh, sag mal, was ist das? Eine Attrappe! Na gut. OK sagte man damals noch nicht so häufig.

Wir absolvierten also unsere Seeerprobung ohne jede Aufgeregtheit in dieser Richtung. In Peenemünde mussten wir beim Einlaufen unsere Bereitschaftsmunition wieder einlagern. Während der Liegezeit in Peenemünde bekam ich Besuch unter anderem von einem Offizier aus dem Stab der Flottille. Wir kannten uns aus einer gemeinsamen Fahrenszeit auf einem »Hai« einige Jahre zuvor, es war also überhaupt nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war nur die Häufigkeit der Nachfrage, wie denn so die Erprobungen verlaufen seien, und das mit eurer Attrappe. Nun, ich konnte natürlich nichts anderes sagen, es ist doch nur eine Attrappe.

Verständnis war da, na ja, Ihr dürft ja nichts sagen. Kann sein, mein Besuch war enttäuscht als er von Bord ging, aber anfassen und anschauen wollte er sie auch nicht.

Damit war eigentlich die Geschichte für uns zu Ende. Wir bauten unser Raketengerüst in der Werft wieder ab, bekamen unsere Torpedorohre wieder, verlegten nach Warnemünde und bald hatte uns der operative Alltag wieder eingeholt.

Nun begab es sich, dass in einigen Familien gleichzeitig Vater und Sohn Dienst in der Marine taten. In der Regel war es so, dass der Vater in einer höheren Stabsdienststellung das Dienstzimmer und die Kommandeursbesprechungen besuchte und der Sohn als Wachoffizier oder als Kommandant zur See fuhr. Jedenfalls Wochen später sah ich mich in Warnemünde von meinem Vorgesetzen mit der Frage konfrontiert, warum ich ihn nicht informieren würde, hier Sachen gemacht würden, von denen er nicht wüsste. Z.B. die Erprobungen während unserer Werftliegezeit, unter der Hand, wir hätten doch drüber reden können. Es gab während einer planmäßigen Beratungen im Kommando der Volksmarine die Anfrage wohl vom Vertreter der 1. Flottille, wie denn die Erprobungen der Rakete verlaufen wären? Nun gibt's ja nichts Schlimmeres als wenn offiziell ein Vorgesetzter nach einem Sachverhalt gefragt wird, welcher ihm nicht bekannt ist. Das ist übrigens auch heute noch so. Entsprechend hat sich dann wohl die Situation entwickelt und beim Versuch der Nachforschung entstand bei unseren Kommandantenrunden an Bord wieder plötzlich das Thema der »Raketenerprobung bei uns an Bord der Wismar«. Dies wurde dann schließlich nicht ohne Schmunzeln (jedenfalls bei uns) aufgeklärt.

Hier gab es also im Nachhinein keine großen Gelächter, sondern nur verhaltene Heiterkeit bei den Eingeweihten. Insofern passt diese Geschichte recht gut in unsere Zeit von damals und sorgt heute noch für Unterhaltung bei unseren Männern, Halbmännern und Badegästen.


(kd + tv) Die Wismar bei der »Raketenerprobung«.


Webmaster Letzte Änderung: 2007-01-22 18:40:47
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