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Geschichten

Damals gelacht – Keiner geglaubt – Heute erzählt


Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten

von Henning W.

Es war der 8. Juli 1982, die Fußball-WM in Spanien dauerte schon genau vier Wochen und befand sich in ihrer entscheidenden Phase. Am Nachmittag hatte Italien im ersten Halbfinalspiel die Polen mit 2 : 0 aus allen Träumen gerissen. Nun lief seit 21.00 Uhr das zweite: BRD gegen Frankreich. Nach Toren von Littbarski (18. Minute) und Platini (28. – Elfmeter) stand es kurz vor Ende der regulären Spielzeit 1:1! Der GA IV-Kommandeur war OvD. Er hatte in Ufa (Sowjetunion) studiert und konnte auf See den Alten mit folgendem Spruch zur Weißglut bringen: »In Ufa haben wir das aber anders gemacht.«. Er war ziemlich weltfremd, hatte aber vor allem keine Ahnung von Fußball!

Pünktlich 22:30 Uhr erschien der OvD in der Mannschaftsmesse, um die Besatzung in die Kojen zu schicken (Er hatte sich sicherheitshalber erkundigt, wie lange ein Spiel geht, und nun waren 90 Minuten um). Erst gab es Gelächter und dann erklärte ihm jemand, dass es zwischen den beiden Halbzeiten eine Viertelstunde Pause gibt. Das leuchtete ihm ein und er verschwand, um exakt 22:45 Uhr wieder aufzutauchen. Nach längerer Diskussion und einem Blick auf den Bildschirm ließ er sich davon überzeugen, dass es gelegentlich Verlängerung gibt, weil man ja einen Sieger braucht, der ins Finale einzieht. Es folgte ein Krimi der besonderen Art: der Franzose Tresor schoss in der 93. Minute das 1 : 2 und Giresse erhöhte sechs Minuten später auf 1 : 3, ehe Rummenigge in der 102. Minute den Anschlusstreffer für die BRD markierte. Fischer schaffte dann tatsächlich den kaum geglaubten Ausgleich zum 3 : 3 (107.)! Allen war klar, das bedeutete Elfmeterschießen! Naja, allen war das nicht klar. Die Verlängerung war kaum zu Ende, da stand der OvD in der Messe: »Klick« – aus war der Fernseher, GA IV-Kommandeur aufwärts! Kaum war er weg: »Klick« – an war der Fernseher!

Was relativ heiter begonnen hatte, wurde nun sehr ernst. Da der OvD wusste, dass ihn keiner richtig ernst nimmt, glaubte er, dass wir ihn verarschen wollten, und war absolut taub gegenüber allen Erläuterungen. Gnadenlos schickte er uns in die Koje und wartete tatsächlich, bis alle weg waren. Da ich Diensthabender Funker war, erklärte ich meinem GA-Chef, dass ich nun den Seewetterbericht von Radio Norddeich aufnehmen müsse, da ich den von Rügen-Radio verpasst habe. Problemlos gelangte ich in mein »Heiligtum« und konnte wenige Minuten später der Mannschaft die Nachricht überbringen, dass die BRD das Elfmeterschießen nach Toren von Kaltz, Breitner, Littbarski, Rummenigge und Hrubesch mit 5 : 4 gegen Frankreich gewonnen hatte und im Finale steht!


Webmaster Letzte Änderung: 2007-02-21 23:03:02
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