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Damals gelacht – Keiner geglaubt – Heute erzählt
von Olaf L., Olaf N. und Wulf H.
Im Sommer 1987 oder 1988 ging die Wismar als Führungsschiff eines kleinen Schiffsverbandes am Ende eines langen Seeausbildungstörns in der Tromper Wiek vor Anker, um dort die Nacht zu verbringen. An Bord des Schiffes befand sich der Führungsstab des Verbandes: Abteilungschef, Stabschef, Abteilungsspezialisten und ein Chiffrierer. Die zusätzliche Kontrolle war bei den Besatzungen nicht besonders beliebt, an diesem Abend sollte der besondere Status als Führungsschiff jedoch von Vorteil sein:
Der Kommandant der Wismar hatte den Auftrag, den kleinen Schiffsverband – eine USSG (U-Boot-Such- und Schlaggruppe) – im nordwestlichen Teil der Wiek in Luftabwehrformation vor Anker gehen zu lassen. Nun, es war ein ruhiger Sommertag und so eine gute Möglichkeit, die Voraussetzungen für ein schon lange theoretisch erwogenes Abenteuer zu schaffen. Der Kommandant befahl für die Ankerformation einen eher unüblich geringen Abstand von 3 kbl. In dieser Situation konnte er davon ausgehen, dass auf den taktischen Nummern die 1. Wachoffiziere die Schiffsführung hatten und der geringe Abstand keine Rückfragen auslösen würde.
Nachdem die USSG problemlos geankert und die Bereitschaftsstufen aufgehoben waren, inspizierte der Bootsmann der Wismar mit dem Schlauchboot auf einer Testfahrt das Schiff von außen. Auf der Brücke warf der Kommandant einen prüfenden Blick auf die Radaranlage TSR 333 und sah auch heute bestätigt, dass das Schlauchboot in der schwach bewegten See auf dem Bildschirm kaum zu sehen war, auch wenn es sich etwas weiter weg vom Schiff, aus dem toten Winkel der Radaranlage heraus, entfernte. Das bestärkte ihn in dem abenteuerlichen Vorhaben, die Wachsamkeit vor Anker des an Backbord befindlichen Nachbarschiffes auf eine noch nicht da gewesene Art zu testen. Natürlich war dazu die offizielle Genehmigung des Abteilungschefs notwendig, welche verhältnismäßig leicht zu bekommen war, da die Details der Besatzung des Führerschiffes überlassen blieben. Dies verschaffte ihr den nötigen Freiraum für das Abenteuer: Die aufmerksame Seewache eines Schiffes vor Anker sollte auch Kampfschwimmer entdecken und daher auf jeden Fall die Annäherung eines fremden Schlauchbootes bemerken.
Bis zum Einbruch der Dunkelheit wurden alle Vorbereitungen getroffen. Aus Freiwilligen wurde ein Kommando zusammengestellt. Ein Enterhaken wurde angefertigt und damit das Erklimmen des Achterschiffes über den Spiegel / Stromanker geübt. Besonders vorteilhaft für die taktische Nummer 1 (das Führungsschiff) war, dass die Übungen bei dem vorherrschenden südlichen Wind von dem »Opfer« auch bei nur 3 kbl Abstand nicht einzusehen waren. Das Kommando sollte sich mit dem Schlauchboot möglichst unbemerkt dem Nachbarschiff nähern und Mängel der Wachsamkeit spektakulär sichtbar machen.
Nach Mitternacht legte das Schlauchboot der Wismar von seinem Mutterschiff ab. Das Wetter war klar und der Mond zunehmend, etwa im ersten Viertel. Es war eine helle Nacht, eher von Nachteil für einen »Angriff«. Der Lärm des Außenbordmotors hätte das Vorhaben früh verraten, aus diesem Grund paddelte die Schlauchbootbesatzung. Dabei konnte sie nicht auf dem kürzesten Weg, direkt auf das benachbarte Schiff zufahren, weil die Wasseroberfläche zwischen beiden Schiffen vom Schein der Ankerlaternen und des Mondes beleuchtet war. Deshalb ging es zunächst in Richtung Vorschiff und danach weiter gegen den Wind, weg von beiden Schiffen. Das orangefarbene Schlauchboot war mit dunkelgrünen Persenningen abgedeckt, alle Mitglieder des Enterkommandos trugen Tarnuniformen (»Ein-Strich-kein-Strich«, ohne Dienstgradabzeichen – »Lametta«) und hatten sich die Gesichter geschwärzt. Als sich das Kommando etwa zwei bis drei Schiffslängen gegen den Wind vom eigenen Schiff abgesetzt hatte, drehte es in Richtung des benachbarten Schiffes, ließ es aber noch weit an Backbord. Die Schlauchbootbesatzung kam wesentlich langsamer voran als gedacht, zwischendurch mussten sich die Paddler abwechseln. Das Schlauchboot sollte mit großem Abstand vor den Bug des zu enternden Schiffes fahren. Das hatte den Vorteil, dass sich das Kommando seinem »Opfer« im Schutz der blendenden Ankerlaterne auf dem Vorschiff (»aus der Sonne«) nähern konnte. Allerdings trieb aus dieser Position der Wind jedes kleine Geräusch in Richtung des ankernden Schiffes. Daher herrschte auf diesem Teil der Strecke an Bord des Schlauchbootes absolute Stille. Nur leise Paddelschläge vermischten sich mit dem Plätschern kleiner Wellen.

Mit dem Wind im Rücken kam das Schlauchboot seinem Ziel schnell näher, der Bug des Schiffes ragte immer höher aus dem Wasser empor. An Bord des Schlauchbootes starrten nun alle wie gebannt auf das Vorschiff. Dort hätte ein Ankerposten seine Runden drehen müssen, um von Zeit zu Zeit den Halt des Ankers zu prüfen. Doch nichts bewegte sich. Ausreichenden Abstand haltend driftete die Schlauchbootbesatzung mit wenigen Paddelschlägen weiter in Richtung Heck. Dabei musste sie mit der Möglichkeit rechnen, von der Wache auf dem Peildeck oder vom Seewachoffizier auf der Brücke entdeckt zu werden. Aber auch dort war zu dieser Uhrzeit niemand zu sehen.
Am niedrigen Heck des Schiffes angekommen kletterten vier Mitglieder des Enterkommandos mühelos (weil geübt) auf das Achterschiff. Spätestens hier hätte der Wachposten auf der Gefechtsstation 10/II das Treiben der Eindringlinge bemerken müssen. Scheinbar gab es einen solchen aber gar nicht. Eine ca. 10 kg schwere und zusätzlich mit dem Wort »Bombe« beschriftete Nebeltonne wurde nun vom Schlauchboot an Oberdeck gehievt. Zwei Männer des Enterkommandos hasteten mit dieser hinauf auf das Bootsdeck und weiter in Richtung Werferdeck vor die Aufbauten des Schiffes. Dort sollte die »Bombe« gezündet werden und das ganze Schiff in Nebel hüllen.
Ein Motorengast des Kommandos blockierte mit Leckwehrmaterial die Zugänge zum Maschinenbefehlsstand, in welchem sich die Maschinenwache aufhielt und – vermutlich – schlief. Ein anderer schloss die Ventile für die Dieselzufuhr der Hilfsdiesel. In der Zwischenzeit hatte ein E-Gast die Aufgabe, den Übergang der 24 V-Stromversorgung auf Notstrombetrieb zu verhindern. Auch er erreichte sein Ziel unbemerkt, die Schalttafel für den Notstrombetrieb im Schiffsinneren. Mit dem Absterben des Hilfsdiesels brach die Stromversorgung des »gekaperten« Schiffes zusammen. Ohne Notstrom lag es nun in völliger Dunkelheit. Das Enterkommando war darauf vorbereitet und orientierte sich ab diesem Augenblick mit Taschenlampen.
Bei allen Besatzungsmitgliedern der Wismar (außer den Mitgliedern des Führungsstabes), vollständig an Oberdeck versammelt, entlud sich in diesem Augenblick ein Jubelschrei, beim Kommandanten war wegen der Risiken auch Erleichterung dabei. Dem Nebelkommando gelang es zwar nicht die Tonne auf dem Werferdeck zu zünden, auf dem Rückweg zum Schlauchboot brannte sie jedoch noch vor der Kommandantenkammer des »gekaperten« Schiffes einige Knallkörper ab.
Zwei beim Schlauchboot zurückgebliebene Mitglieder des Enterkommandos nahmen in der Zwischenzeit die Dienstflagge am Heck des gekaperten Schiffes ab.
Nur wenigen Minuten nach Betreten des Schiffes war das Kommando wieder vollzählig im Schlauchboot versammelt. Für die Rücktour wurde sofort der Außenbordmotor gestartet. Mit Vollgas schoss das Schlauchboot noch einmal an seinem Opfer vorbei. In diesem Augenblick hatte die Maschinenwache den Hilfsdiesel in Gang gebracht. Auf dem Schiff ging wieder das Licht an und der große Suchscheinwerfer (XBU) auf dem Peildeck wurde auf das Schlauchboot gerichtet. Voller Euphorie schwenkte das »Enterkommando« die erbeutete Dienstflagge des gekaperten Schiffes, dessen verdutzte Besatzung nicht realisierte, dass es ihre Dienstflagge war, die da geschwenkt wurde.
Ein Wettstreit kennt immer Sieger und Verlierer. In diesem Fall standen die Chancen der Männer von der Wismar recht gut, sie haben sie genutzt und hatten viel Spaß dabei. Natürlich bekam nach dem Einlaufen in den Heimatstützpunkt der geprüfte Kommandant seine Dienstflagge zurück.
Dies war wieder nur eine kleine »sportliche« Episode in der Geschichte der »Wismar« und ihrer Besatzung, aber ein weiterer kleiner Baustein für ihren Zusammenhalt, weit über den 03.10.1990 hinaus.

Dienstflagge der Volksmarine