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Damals gelacht – Keiner geglaubt – Heute erzählt
von Olaf L.
Mitte der 80er Jahre verließ der Bootsmann der Wismar das Schiff für ein Jahr, um die Ausbildung zum Fähnrich zu absolvieren. Der Bootsmann eines Schiffes ist die rechte Hand des Kommandanten zur Durchsetzung von Sauberkeit, Hygiene und seemännischer Ordnung. Deshalb musste für seine Abwesenheitszeit schnell ein Vertreter gefunden werden, sollte das Schiff nicht binnen kürzester Zeit verkommen. Die Wahl des Kommandanten fiel auf einen jungen Speerwaffenleitmaaten, der ihm motiviert und formbar für diese Aufgabe erschien. Beeindruckt von dem Vertrauen, das ihm »der Alte« damit entgegenbrachte, sagte der Maat in seinem jugendlichen Leichtsinn natürlich ja zu der Herausforderung, ohne allerdings zu ahnen, geschweige denn zu wissen, worauf er sich damit einließ.
Seinen Aufgabenbereich sollte der neue Bootsmanns durch eine »intensive Einarbeitungszeit« kennenlernen. Fehlte etwas oder war nicht am richtigen Platz, bekam er prompt einen »sehr deutlichen Hinweis« seines Kommandanten. Auf diese Weise erfuhr er schließlich, was alles zu seinen Aufgaben gehörte. Der Alte, damals Kapitänleutnant, war noch besonders ehrgeizig, zielstrebig und pingelig. Keine Unordnung, kein Fehler entging seinem kritischen Blick. Nachdem das Schiff allerdings das dritte Mal hintereinander als »Bestes seemännisches Schiff« ausgezeichnet wurden und auf Initiative der »Wismar« das Glasen in der Schiffsbrigade wieder eingeführt wurde, kam auch der neue Bootsmann wieder in etwas ruhigeres Gewässer.
Zumindest einmal sollte sich erweisen, dass der Alte mit seiner Kritik daneben lag. Das Schiff befand sich in See und erhielt den Befehl, auf einer vorgegebenen Position zu ankern. Als diese erreicht war, kam der Befehl »Fall Anker«. Der Bootsmann wiederholte wie üblich laut und deutlich den Befehl und löste die Bremsen am Ankerspill. In diesem Augenblick passierte jedoch nicht das, was normalerweise passierte, der Anker fiel nicht (ins Wasser). In einem solchen Fall musste das Ankerspill manuell, wie auf einem alten Segelschiff, so lange gedreht werden, bis Anker und Kette so weit aus dem Schiff hingen, dass sie mit der dabei zunehmende Last doch noch selbstständig ins Wasser glitten und die schwere Ankerkette nach sich zogen. Da diese Prozedur einige Zeit in Anspruch nahm, befand sich das Schiff am Ende des Manövers weit ab von der vorgeschriebenen Position.
Der Anker musste wieder gehievt werden und das Schiff die Ankerposition erneut anlaufen. Auf das nächste Kommando »Fall Anker« begann das Malheur allerdings von neuem. Als klar wurde, dass der Anker nicht zum Fallen auf Kommando zu bewegen war, lief der Kommandant die Ankerposition schließlich mit einem Vorhalt an, den er für das langwierige Ankermanöver benötigte. Warum der Anker nicht wie vorgesehen funktionierte, war dem jungen Bootsmann unerklärlich. Gerade bei der Wartung des Ankerspills war er sich sicher, nichts versäumt zu haben. Erst vor Kurzem, bei der letzten Wartung hatte er mit der Fettpresse alle Schmierstellen des Ankerspills unter hohem Druck satt mit Fett versorgt.
Ein Schiff ohne funktionierendes Ankerspill ist wie ein Auto ohne Bremse. Und wenn man drei Anläufe braucht, um die richtige Ankerposition zu erreichen, macht man sich zum Gespött aller Schiffe in Sichtweite, ein unerträglicher Zustand für jeden Kommandanten. Der Bootsmann war damit wieder einmal mal reif für einen Anschiss, der diesmal auch gleich durch die BÜ (Sprechanlage) mit aufbrausender Stimme folgte: »Am Fett kann es ja nicht liegen, da ist keins dran.« Als der Bootsmann sich traute, dem zu widersprechen, durfte er dann auch noch gleich auf der Brücke antreten. Widerspruch, dazu vor der Mannschaft, oder Belehrungen konnte der Alte dem jungen Maat nicht durchgehen lassen. Nachdem die Besatzung die Wartung und das Reinschiff unter Deck beendet hatte, wollte der Alte die Sache klarstellen und befahl den Bootsmann auf die Back, wo er schon am Ankerspill auf ihn wartete.
Der Kommandant war geduscht, hatte ein frisches Uniformhemd an und machte sich daran, dem Bootsmann seinen Fehler demonstrativ vor Augen führen. Er zog einen Kamm aus der Gesäßtasche, lächelte den Bootsmann an und hockte sich vor eine Schmierstelle des Ankerspills. Er nahm den Kamm und drückte wie bei einem Fahrradventil mit einer Kammzacke auf den Schmiernippel, um zu beweisen, dass da kein Fett sei. Sofort spritzte jedoch das unter Druck stehende Schmierfett durch den eingedrückten Schmiernippel, ein ordentlicher Fladen auf das Hemd des Kommandanten. In diesem Augenblick stand dem jungen Bootsmann das Lächeln im Gesicht, was ihm sein Kommandant diesmal aber nicht übel nahm.
Noch auf See schrieb der Bootsmann einen Reparaturauftrag für das defekte Ankerspill. Aber auch die Reparaturmanschaft im Hafen konnte das Problem nicht beheben. Bis zur Reparatur in der Werft musste ein Besatzungsmitglied beim Ankerhieven durch eine Öffnung in den Kettenkasten hineingreifen und die Ankerkette besonders sorgfältig legen, damit diese beim nächsten Ankern reibungslos ablaufen konnte. Als der Bootsmann seinen Kommandanten darauf hinwies, dass der Kettenkasten beim Ankermanöver laut Vorschrift geschlossen sein müsste, lernte er auch noch den Unterschied zwischen einer Dienstanweisung und dem Befehl seines Kommandanten kennen.