Zurück zur: Chronik der Wismar


Der folgende Auszug aus dem Buch Schiffe und Boote der Volksmarine von Manfred Röseberg erzählt die Geschichte der Baureihe vom Typ Parchim. Die auszugsweise Wiedergabe erfolgt mit mit freundlicher Genehmigung des Verlages:


INGO KOCHVERLAG
Warnowufer 30
18057 Rostock
Tel.: 0381/200 91 63
Fax: 0381/200 91 64
email: ingokochverlag@web.de

Copyright 2002 by INGO KOCH VERLAG, Rostock

ISBN 3-935319-82-7

Online-Order über www.amazone.de: hier klicken


Bereits 1973 unterbreitete die sowjetische Seite der DDR den Vorschlag, ein gemeinsames Kleines UAW-Schiff mit einem Normaldeplacement von weniger als 500 t zu bauen. Die hydroakustische Anlage und ein integriertes Waffenleitsystem sollte die DDR entwickeln.
Im Juli 1974 entschied der Ministerrat der DDR, die Bearbeitung der beiden gewünschten Anlagen nicht zu beginnen. Diese Entscheidung war berechtigt, denn in der DDR-Industrie fehlten jegliche Erfahrungen für Entwicklung und Bau solcher Anlage, besonders für Waffenleitsysteme. Die Schaffung von Grundlagen für derartige technisch und technologisch anspruchsvolle Systeme wäre ökonomisch nicht zu vertreten gewesen, da keine entsprechend große Serienproduktion zu erwarten war. Auch die zur Verfügung stehende Zeit hätte nie ausgereicht.
Die sowjetische Seekriegsflotte reagierte auf die Entscheidung der DDR sehr ungehalten.

In der Peenewerft Wolgast waren Arbeiten zur technischen Vorbereitung eines Bauprogrammes für eine reine DDR-Variante UAW-Schiff begonnen worden. Dabei kam es zu Schwierigkeiten, weil ein dringend notwendiges Regierungsabkommen UdSSR-DDR zur Lieferung von Ausrüstungen aus der UdSSR und zur technischen Hilfe bei Entwicklung und Bau noch nicht abgeschlossen war. Deshalb gab es auch noch keine Konsultationen und keine technische Dokumentation über zum Import freigegebene sowjetische Geräte und Anlagen. Erst im Januar 1976, nach Abschluss eines Regierungsabkommens, korrigierte die sowjetische Seekriegsflotte ihre ablehnende Haltung. Damit war die weitere planmäßige Bearbeitung des UAW-Schiffes als DDR-Variante Projekt 133.1. gesichert. Die Gemeinschaftsvariante 133.2 fand keine Berücksichtigung mehr.

Bereits im März 1976 erfolgte die erste gemeinsame Durchsprache der Projektstudie mit sowjetischen Spezialisten in Wolgast. In der Folge weiterer Konsultationen übergab die sowjetische Seite 205 Einzelempfehlungen, von denen die Peenewerft Wolgast im Verlaufe der Projektierung 157 realisierte.

Einen neuen Vorschlag der UdSSR, nur vier Schiffe Projekt 133.1 zu bauen, damit eine umfangreiche technische und Truppenerprobung durchzuführen und anschließend ein Schiff Projekt 133.1M mit teilweise anderer sowjetischer Bewaffnung und Ausrüstung zu entwickeln, lehnte die Volksmarine ab, obwohl dieses weiterentwickelte Schiff sowohl in der Volksmarine als auch in der Sowjetflotte als Serienschiff eingesetzt werden sollte. Der Einsatz von zwei annähernd gleichen Typen UAW-Schiffe wurde von der Volksmarine sowohl operativ als auch technisch nicht akzeptiert. (54)

Im Oktober 1978 begann der Bau einer Serie von 16 UAW-Schiffen Projekt 133.1. Mit DN = 792 t war dieses Schiff mehr als doppelt so groß wie sein Vorgänger Kleiner U-Boot-Jäger Typ HAI Projekt 12.4 M. Dadurch waren die Voraussetzungen geschaffen, sowohl mehr Waffen und Elektronik an Bord unterzubringen, als auch Seetüchtigkeit (Nordsee-Einsatz) und Autonomie zu vergrößern.
Als UAW-Bewaffnung kamen erstmals vier zielsuchende UAW-Torpedos SÄT 40 UÄ (Kaliber 400 mm) mit Torpedo-Waffenleitanlage Summer 204 (Import UdSSR) an Bord. Dazu wurden zwei Torpedorohre je Bordseite neben dem achteren Deckshaus mit einem konstanten Ausstoßwinkel zur Schiffslängsachse aufgestellt. Vor der Brücke waren zwei reaktive Wabo-Werfer RBU16-6000 mit automatischer Nachladeeinrichtung und achtern unter Deck zwei Wabo-Ablaufgerüste mit Wurfluken im Spiegel installiert.
Neu waren ebenfalls die fest eingebaute transistorisierte hydroakustische Anlage MG 322T und die absenkbare hydroakustische Anlage MG 329 M.
Die Artillerie-Bewaffnung mit achtern 1 x 572 mm-Geschätz AK 725, auf dem Vorschiff 1 x 302 mm-Geschütz AK 230 mit Waffenleitanlage MR 103, hinter dem Deckshaus zwei Startanlagen FASTA4-4 für Nahbereichs-Luftabwehrraketen Strela-M war ebenfalls wesentlich stärker als bei den Vorgängern.
Als Antriebsanlage dienten drei sowjetische Dieselmotoren M 504-A. Beide Außenmaschinen arbeiteten auf Festpropeller, während die Mittelmaschine mit einem Verstellpropeller gekoppelt war. Damit wurde eine Vmax = 24,5 kn erreicht.

Von Juli bis Dezember 1980 fanden umfangreiche Taktisch-technische Erprobungen parallel mit den beiden Schiffen 133.101 und 133.102 im Seegebiet nordöstlich Rügen und vor Baltijsk statt.
Das Erprobungsprogramm hatte mit 53 Themen einen bisher nicht gekannten Umfang. Neu war die Nutzung der Marinebasis Baltijsk als Erprobungsstützpunkt und des anliegenden Seegebietes in sowjetischen Territorialgewässern, um die UAW-Bewaffnung mit Unterstützung der Baltischen Flotte zu erproben. Durch den zeitlich versetzten Abschluss der Erporbung übernahm die Volksmarine am 09.04.1981 als erstes Schiff 133.102 PARCHIM. Das eigentliche Typ-Erstschiff 122.101 WISMAR kam erst am 09.07.1981 in Dienst.

Auf Vorschlag des Stabes der Verbündeten Streitkräfte und mit dem daraus abgeleiteten Befehl 119/84 des Ministers für Nationale Verteidigung erfolgten neue Festlegungen für die Klassifizierung von Schiffen und Booten der Volksmarine; dabei erhielt u.a. das Kleine UAW-Schiff Projekt 133.1 die neue Bezeichnung Küstenschutzschiff.
Der Serienbau in der Peenewerf Wolgast lief mit einer Gesamtserie von 16 Schiffen und einem Baurythmus von vier Schiffen pro Jahr planmäßig.
Beim Einsatz im Flottendienst zeigte sich aber, dass Mängel in der technisch-konstruktiven Lösung der Antriebsanlage zugelassen worden waren. Es bestand die eindeutige taktische Forderung an das Fahrtregime, längere Zeit geringe Geschwindigkeiten bei der Begleitung getauchter U-Boote in der Verantwortungszone der Volksmarine zu fahren. Das war aber mit der vorhandenen Antriebsanlage M 504-A nicht zulässig. Da noch Schwachstellen in der Qualität der durch die UdSSR gelieferten Motoren hinzu kamen, entstanden erste Probleme in den Flottillen. Vorstellungen zur Nachrüstung der Schiffe mit Elektro-Motoren als Hilfsantrieb für Langsamfahrt mussten aus ökonomischen Gründen verworfen werden.
In Zusammenarbeit Volksmarine/Peenewerft Wolgast wurde ein spezielles Fahrtregime entwickelt. Dieses sah u.a. die U-Boot-Begleitung mit zwei Schiffen vor, wovon eines zum "Freibrennen" der Motoren mit höherer Fahrtstufe laufen und anschließend den Kontakt zum U-Boot übernehmen sollte, um dem anderen Schiff Zeit für das gleiche Manöver zu geben. Natürlich war das eine Notlösung, aber nur so konnten die taktischen Forderungen unter den gegebenen technischen Bedingungen weitgehend erfüllt werden.

Nachdem die taktisch-technischen Mängel beseitig waren, traten ab 1983 vereinzelt, aber ab 1985 in großem Umfang Korrosionsschäden an Motoren und Kühlwasserleitungen auf. Im August 1985 sah sich deshalb die Volksmarine gezwungen, eine Mängelanzeige abzugeben. Nach eingehenden und aufwendigen Analysen und Gutachten kam es am 12. November 1986 zur Verhandlung vor dem Zentralen Staatlichen Vertragsgericht in Berlin. (55)

Trotz der relativ empfindlichen Maschinenanlage bewährten sich die Küstenschutzschiffe Projekt 133.1 bei strenger Einhaltung der Betriebsinstruktion auch in schwerstem Wetter. Bewaffnung und Ausrüstung entsprachen im Wesentlichen den Forderungen. Durch die größere Reichweite der hydroakustischen Anlagen bei wahlweisem Einsatz der beiden vorhandenen Stationen konnte die Zeit des Kontakthaltens zu U-Booten in Unterwasserfahrt wesentlich vergrößert werden.

Nach der Auflösung der NVA übernahm die Bundesmarine befristet die Schiffe 133.101, 105, 122 und 113. Für alle 16 Schiffe war aber eine Verwertung durch die VEBEG vorgesehen. Nachdem bereits 1992 die Marine Indonesiens Interesse gezeigt hatte übergab der Minister der Verteidigung der BRD im Januar 1993 alle Schiffe an den Saatsminister für Forschung und Technologie der Republik Indonesien.
Die Besonderheit dabei war, dass die Schiffe nicht abgerüstet, sondern mit Munition und Ausrüstung übergeben wurden. Die Herstellung der Fahrbereitschaft erfolgte in der Peenewerft Wolgast unter selbständiger Bauaufsicht der indonesischen Marine. Alle 16 Schiffe wurden von indonesischen Besatzungen übernommen und auf eigenem Kiel paarweise nach Indonesien überführt. Die letzten vier Schiffe verließen im Juni 1996 die Peenewerft Wolgast. (56)


Webmaster Letzte Änderung: 2004-04-11 21:27:44
Valid XHTML 1.0! Valid CSS1! Level Triple-A conformance icon, W3C-WAI Web Content Accessibility Guidelines 1.0